„Zwangsprostitution wird in unserem Land weitgehend toleriert“

Der Schönblick-Kongress „Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ gab erschreckende Einblicke und forderte zum Hinschauen auf

Schwäbisch Gmünd – Rund 24 000 Frauen, Transsexuelle und Männer gehen in Deutschland der Prostitution nach – offiziell und angemeldet. Die Dunkelziffer allerdings überschreitet diese Zahl um das Zehnfache. Mit bis zu 400 000 Prostituierten, die ihren Körper verkaufen (zum allergrößten Teil müssen), ist unser Land das Bordell Europas. Mit „Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ beschäftigte sich ein Kongress des Schwäbisch Gmünder Schönblicks, der für große Aufmerksamkeit sorgte und zudem in einer Resolution an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages mündete.
Kuno Kallnbach, Organisationsleiter des Kongresses, kann ein positives Resümee ziehen: „Mit weit über 300 Teilnehmern erlebten wir eine große Resonanz auf ein Thema, das auch für uns ein Wagnis darstellte. Wir danken allen, die auch in Zukunft mit uns den Weg gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung bestreiten – dieses Thema schreit im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel. Wir alle als Christen müssen etwas tun, wir müssen hinschauen und wir müssen diesen, zum allergrößten Teil, Frauen helfen und sie aus diesem Leid und aus dieser Schande befreien!“
Gemeinsam mit seinem Team war es Kuno Kallnbach gelungen, ein großes Feld an herausragenden Vortragsrednern auf dem Schönblick zu holen und damit tiefe Einblicke in ein Thema zu geben, das von „vielen in unserem Land noch immer nicht als ein Verbrechen gesehen wird. Und mit Verbrechen meine ich das, was diesen Frauen angetan wird und nicht das, was sie tun.“

Zwangsprostitution: ein dreifaches Verbrechen
Beeindruckt verfolgten die Teilnehmer schon den Auftaktvortrag, zu dem kein Geringerer als Prof.Dr.Dr.Thomas Schirrmacher den Weg auf den Schönblick angetreten hatte. Schirrmacher ist, wenn man es so ausdrücken möchte, der „Papst“ der weltweiten evangelischen Kirchen und steht somit über 600 Millionen evangelischen Christen vor. Er lenkte in seinem Vortrag zunächst einmal den Blick auf „das Verbrechen an sich“: „Vergewaltigung ist ein Verbrechen, das zurecht mit einer hohen Gefängnisstrafe geahndet wird. Folter ist ein Verbrechen, das weltweit geächtet ist. Menschenhandel ist ein Verbrechen, das ebenfalls mit hohen Strafen verfolgt wird. Doch was, das frage ich Sie, passiert, wenn all diese drei Verbrechen zusammengefügt werden? Dann, ja genau dann, sind wir in der Zwangsprostitution. Und diese wird in unserem Land weitestgehend toleriert!“

Das „nordische Modell“: Es funktioniert
Die Redner und Workshopleiter, aber auch die Teilnehmer aus der Politik gaben in den folgenden Tagen tiefe, erschütternde Einblicke, welch entsetzliches Leid die Prostituierten zu ertragen haben. Einblicke in Abgründe, wie sie so deutlich selten nach außen dringen. Gaby Wentland, Mitglied des Vorstands der Deutschen Evangelischen Allianz und Gründerin des Vereins Mission Freedom, zeigte zum Beispiel auf, „wie naiv auch ich mit dem Thema Prostitution umgegangen bin, als ich mich erstmals damit beschäftigte. Ich sah es, ich sage mal aus touristischer Sicht, bei uns in Hamburg. Da saßen die Frauen und alles schien gut. Sie gingen ihrer Arbeit nach und sie taten das freiwillig, dachte ich. Doch weit gefehlt: Heute weiß ich, welch Elend sich dahinter verbirgt, welchen Repressalien sie ausgesetzt sind, was sie erleiden müssen – und niemand, fast niemand, hilft ihnen.“ Daher hoffe sie, dass alle, die jetzt hinschauen, „auch bei diesem Kongress“, für sich entschieden, weiterhin darauf zu blicken und so eine Chance entstehe, dass Deutschland irgendwann nicht mehr als das Bordell Europas gelte. Alle Vortragsredner machten sich auf dem Schönblick dafür stark, dass Deutschland sich wie Schweden oder auch Frankreich für das „nordische Modell“ entscheide. Prof.Dr.Dr.Thomas Schirrmacher: „Es wäre eine Illusion zu glauben, dass wir damit allen Prostituierten helfen können. Aber der Erfolg in Schweden und Frankreich zeigt, dass wir nicht Prostitution verbieten, sondern die wahren Verbrecher benennen müssen: die Freier! Es muss endlich geschehen, dass wieder das wahre Opfer und der wahre Täter gesehen wird.“ Über das „nordische Modell“ reduzierte sich die Zahl der Frauen für käufliche Liebe zum Beispiel in Schwedens Hauptstadt Stockholm drastisch auf nur noch wenige mehr als Hundert. Das Bild von Sexualität und Frauen wird durch das „nordische Modell“ durch Respekt und auf Augenhöhe massiv verändert.
Ganz tief in die tägliche Arbeit ihrer Hilfe ließ Kathrin Geih von der Mitternachtsmission Heilbronn blicken. Sie versucht Tag für Tag, mit Prostituierten ins Gespräch zu kommen, Hilfe anzubieten und sie im besten Falle in ein anderes Leben zu führen: „Und doch komme ich immer wieder an Grenzen, begeben wir uns alle, die helfen wollen, in Gefahr.“ Sie schilderte, wie schwierig es sei, die Betroffenen tatsächlich auch in den Dialog zu bringen. „Was heute gilt, ist morgen hinfällig. Schließlich leben diese Frauen zumeist in einer unfassbaren Drucksituation.“ In der Pandemie habe sie den Kontakt zu vielen wieder verloren – „dabei lief die Prostitution trotz Verbotes weiter. Nahezu uneingeschränkt!“

Kallnbach: „100 000 Unterschriften – das wäre schön“
Kuno Kallnbachs Fazit nach dreieinhalb Tagen Kongress: „Wir sind froh, dass wir uns für dieses Thema entschieden haben – jetzt wäre es schön, wenn 100 000 Menschen oder mehr unsere Resolution unterzeichnen würden. Schließlich evaluiert der Deutsche Bundestag das Prostituiertengesetz ab dem 1. Juli 2022 neu. Hier können wir alle direkt Einfluss nehmen.“ Eine Zustimmung zur Resolution ist auf der Website des Schönblicks unter https://www.schoenblick.de/de/unterschriftenaktion möglich.
Auch Schönblick-Direktor Martin Scheuermann fasste den Kongress rundum positiv zusammen: „Wir werden an diesem Thema dranbleiben – das sind wir all den Frauen in der Zwangsprostitution, den vielen verschleppten Kindern und all den Bedrohten schuldig“, sagte er. Insgesamt habe der Schönblick-Kongress einen vielschichtigen, oftmals erschütternden Einblick in das zerstörte Leben der vielen Prostituierten gegeben: „Und dennoch sage ich: Am Ende siegt immer das Licht!“ Dem pflichteten auch mehrere Workshopleiterinnen zu, die den Weg aus der Prostitution fanden und heute sagen: „Jesus Christus hat uns herausgeführt. Er steht an unserer Seite – er ist alles!“

VON RALPH F. WILD