„Wir lernen hier auf dem Schönblick für die Zeit nach dem Krieg“

Schwäbisch Gmünd. Wenn Serhij Bolchuk erzählt, dann klebt man an seinen Lippen. Und oftmals kommt einem der Gedanke: Warum nur müssen Menschen, die so viel Gutes tun, so viel Leid und Schrecken ertragen? Seit dem Jahre 2016 betreibt Serhij im Westen der Ukraine das Behindertenzentrum AGAPE auf einem inzwischen fast vier Hektar großen Grundstück. 30 Menschen mit Behinderung haben dort ihre Heimat gefunden, werden professionell betreut und unterstützt, ihren Alltag bewältigen zu können. Doch dann brach der Krieg aus.

„Wir sind so unendlich dankbar, dass wir auf dem Schwäbisch Gmünder Schönblick untergekommen sind, dass wir hier eine sichere Bleibe für die Behinderten bekommen haben“, erzählt Serhij Bolchuk. Als die ersten Bomben unweit von „Agape“ einen Militärflughafen trafen, seien die Detonationen im ganzen Gebiet spürbar gewesen. „Ich nahm meine Frau an der Hand und sagte: Wir müssen hier mit allen anderen weg. Wir müssen unser Zentrum evakuieren.“ Denn eines war gewiss: Für die Menschen mit Behinderung hätte es im Falle eines Bombardements, und sei es auch nur „versehentlich“ gewesen, keine Chance zum Überleben gegeben.
So erreichte unmittelbar nach dem Kriegsausbruch eine Anfrage Martina Köninger von der Deutschen Evangelischen Allianz, ob es die Möglichkeit gebe, zehn Menschen mit Behinderung und ihre Betreuer in Deutschland in Sicherheit zu bringen. Martin Scheuermann, Direktor des Schönblicks: „Ich bekam die Email von Martina – wir entschieden innerhalb von Minuten, dass wir selbstverständlich die Ukrainer bei uns aufnehmen würden.“ Und so machte sich der Konvoi noch am selben Tag auf den Weg in das sichere Deutschland.
Für Serhij Bolchuk war es dennoch eine Reise ins Ungewisse. Zunächst. „Wir wussten nicht, wohin wir fahren würden. Über die Grenze, klar. Nach Deutschland. All das klang gut, aber es blieben so viele Fragen in den Gesichtern.“ Dann aber drang zu ihm durch, dass sie auf den Schönblick gebracht würden. „ Es war ein Geschenk Gottes! Ich freute mich so sehr.“ Bereits viele Jahre zuvor, 2012, weilte er selbst bei einem Kongress im Schwäbisch Gmünder Gästezentrum. Und war damals bereits begeistert von der Anlage. „Schönblick? Wir dürfen auf den Schönblick. Die Nachricht war eine der schönsten, die mich je erreicht hat.“
Seit Monaten sind nun die Ukrainer hier in Sicherheit. Und für Serhij Bolchuk gab es immer und immer wieder Momente, in denen er seinen Augen und Ohren nicht traute: „Es gibt so viele Parallelen zwischen dem Schönblick und unserem Zentrum in der Ukraine.“ Während der Schönblick im Jahre 1916 im Sommer eingeweiht wurde, erfolgte – exakt 100 Jahre später – die Einweihung von „Agape“. Für den ukrainischen Leiter, der „inzwischen wieder zu 60 Prozent positiv denkt“, ist Schwäbisch Gmünd zu einer zweiten Heimat geworden: „Wir lernen hier für die Zeit nach dem Krieg. So vieles, was wir auch bei uns umsetzen möchten, ist hier längst Realität. Nicht nur baulich, sondern auch in der Organisation und in den Strukturen. Wir werden mit so großem Wissen in die Ukraine zurückkehren. Und die Agape weiter entwickeln.“

 

So wie er es gemeinsam mit seiner Frau Natascha bereits über all die Jahre getan hat. Die junge Familie war im Jahre 2001 in einen schweren Autounfall verwickelt. Natascha ist seit dem querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. „Es war eine schlimme Zeit. Und dennoch war der Unfall der Beginn dessen, was wir heute Agape nennen.“ Natascha und Serhij waren sich sehr schnell nach dem Unfall einig, dass sie Menschen mit Behinderungen helfen wollten. Zunächst nur durch Besuche, durch psychologische Unterstützung. Später entstand dann ein Raum für Tagespflege und die beiden organisierten Ausfahrten für Menschen mit Behinderungen. Doch der große Traum ging schließlich mit dem Zentrum im Westen der Ukraine in Erfüllung. Dabei stand der Familie immer wieder Gott helfend zur Seite: „Er hat uns geführt, er hat uns geleitet und Mut gemacht“, sagt Serhij und erzählt: „Das Grundstück, auf dem heute unser Zentrum steht, stand 2007 zum Verkauf für 40 000 Dollar. Wir hatten nur eines – Interesse.“ Dann folgte 2008 die Weltwirtschaftskrise. Wieder wurde das Grundstück zum Kaufen angeboten. Der Preis sank auf 18 000 Dollar. „Wir wollten es unbedingt, aber hatten immer noch kein Geld. Ich sagte dem Verkäufer dennoch, dass wir es haben wollen“, lacht Serhij noch heute. Er kehrte nach Hause von dem Termin zurück. Dort erwartete ihn nicht nur seine Frau Natascha, sondern auch ein Brief einer Ärztevereinigung aus Frankreich. „Diese waren schon länger auf uns und unsere Arbeit aufmerksam geworden. Und sie hätten für uns gesammelt und würden uns gerne eine Spende übergeben, durfte ich in dem Brief lesen!“ Die Spendensumme: 18 000 Dollar.

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Gemeinsam mit inzwischen 50 Ukrainerinnen und Ukrainern leben Serhij und seine Frau Natascha seit Anfang März auf dem Schönblick. Mehrere Betreuer konnten damals mit der Gruppe die Ukraine verlassen, obwohl sie zunächst an der Grenze aufgehalten wurden. Inzwischen ist es Serhij gemeinsam mit vielen anderen Unterstützern gelungen, rund 400 Menschen mit Behinderungen aus der Ukraine in Sicherheit zu bringen. Sie sind an acht Standorten (vier in Deutschland, drei in den Niederlanden und einer in der Schweiz) untergebracht. Für wie lange kann heute noch niemand einschätzen. Jedoch ist die Gewissheit bei der Ukrainern groß, in nicht zu ferner Zukunft wieder in ihr Land zurückkehren zu können und dort in Freiheit zu leben und das Land wieder aufzubauen.

Ralph F. Wild